Buß- und Bettag 2025. Synagogenbesuche gehören seit einigen Jahren zum festen Veranstaltungsprogramm des Beruflichen Gymnasiums Gesundheit und Soziales. Doch diesmal ist etwas Besonderes entstanden: Durch die Verknüpfung von Rabbinergespräch in der Neuen Synagoge Mainz und geschichtlichem Vortrag beim Bildungsprojekt „05ER Klassenzimmer“ wurde ein direkter Zugang durch den Fußball versucht. „Über die Sportbegeisterung und Fankultur hoffen wir in eine Auseinandersetzung mit konkreten jüdischen Biographien und persönlichen Schicksalen zu kommen“, meinte der Psychologe und Ethiklehrer Stephan Göbel. Den Anstoß dazu gab der Lebensweg des früheren Vorsitzenden des 1.FSV Mainz 05: Eugen Salomon.
Als junger Mann hat er den heutigen Bundesligaclub durch die schwierigen Jahre nach der Vereinsgründung 1905 geführt. In der Weimarer Republik blieb er für den Mainzer Fußballsport weiterhin sehr einflussreich – bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland und der anschließenden gesellschaftlichen „Gleichschaltung“ des gesamten Vereinslebens. Noch zu Beginn des Jahrs 1933 hatte der Mainzer Unternehmer jüdischen Bekenntnisses das Amt des Spielausschussvorsitzenden inne. „Im August 1933 bekannte sich Mainz 05 als einer der letzten süddeutschen Fußballvereine auf einer Generalversammlung zum nationalsozialistischen Staat und erklärte sich zur Gleichschaltung bereit“, erläuterte Nils Friedrich zu dieser zwiespältigen Episode in der Vereinsgeschichte, welche inzwischen kritisch aufgearbeitet wird. In der Folge wurden jüdische Mitglieder aus dem Verein gedrängt und vom Vereinsleben ausgeschlossen. Sogar über das weitere Schicksal von Eugen Salomon und seiner Familie war lange kaum etwas bekannt.
Als sich um die Jahrtausendwende eine eigene Fankultur um den einstigen 05er Pionier entwickelte, glaubte man noch, er habe den nationalsozialistischen Staatsterror, die Deportation ins Konzentrationslager und die rohe Gewalt während des Zweiten Weltkriegs irgendwie überlebt. Doch inzwischen ist es traurige Gewissheit, dass er im SS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Das jüdische Leben verschwand geradezu stumm aus Mainz.
Erst vor wenigen Wochen wurde Eugen Salomon im neuen Vereinsstadion „MEWA ARENA“ eine eigene Gedenkstätte gewidmet. Daneben erzählen eine Infotafel und mehrere Stolpersteine in der Mainzer Innenstadt von der Verschleppung und Ermordung der Familie Salomon. Wie dieser erging es zahlreichen Mainzerinnen und Mainzern, die bloß wegen ihrer jüdischen Abstammung sozial ausgegrenzt und brutal verfolgt, erst um ihr Hab und Gut, dann um ihr Leben gebracht wurden.
Vor ihrem Besuch beim „05ER Klassenzimmer“ hatten die Ethik- und Religionkurse der gymnasialen Jahrgangsstufe 11 bereits die Jüdische Kultusgemeinde in der Neuen Synagoge Mainz besucht und mit Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky ein ausführliches Gespräch über die besondere jüdische Geschichte und Gegenwart in Mainz geführt: „Das Judentum ist die älteste Schriftreligion, also eine Buchstabenreligion, und durch die Erfindung des Buchdrucks wurde Mainz zu einer Stadt der Buchstaben“, so beschrieb es der Rabbi.
Den Abschluss bildete ein Rundgang hinter die Kulissen der „MEWA ARENA“: Startend im Aufwärmraum, den Mannschaftskabinen und dem Pressesaal, weiter durch die sogenannte „Mixed Zone“ bis zu den Einwechselbänken am Spielfeldrand. „Das war ein anstrengender Tag, aber es ist viel interessanter hier draußen Gespräche im echten Leben zu führen“, fand eine Teilnehmerin auf dem Weg durchs Stadion. Die Veranstaltung wurde außerdem im Rahmen eines Forschungsprojekts begleitet und beobachtet durch das Institut für Politikwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität.